Bunte Buchstaben tanzen auf dem Schild an der Hinterhof-Einfahrt das Wort „Stadtveränderer“. Nebenan unter der Brücke rattert eine S-Bahn vorbei. Vor dem Bäcker sitzen Nachbarn mit einem Becher Kaffee in den ersten Sonnenstrahlen des Tages.

Ein paar Schritte weiter im Hinterhof ragt eine rote, neu verputzte Fassade auf, die das echte Alter des Hauses verbirgt: Es ist ein Fabrikgebäude von 1911, in dem eine stadtbekannte Manufaktur edle Etuis herstellt, ein Stoffhandel seine Meterware vertreibt und ansonsten Schauspieler, Maler und Werber in großen Lofts arbeiten. Tritt man ein, zeigt das Gebäude sein wahres Gesicht: Der Boden ist bucklig, an den Wänden prangen klobige Verteilerkästen, Kritzeltexte und Graffitis begleiten einen die abgetretenen Treppenstufen hinauf bis in den 4. Stock. Dort tanzen auf einer schweren Stahltür wieder die bunten Buchstaben „Stadtveränderer“.

Die Stadtveränderer sind wir: 11 Leute, die auf weiter Fläche nebeneinander und manchmal auch miteinander arbeiten – als Angestellte von christlichen Netzwerken und freiberuflich als Architektin, Journalistin, Pastor, Grafik-Designer, Schauspieler und Rechtsanwalt. Uns eint der Wunsch, uns neben dem Broterwerb auch sozial, künstlerisch oder christlich für Hamburg und unseren Stadtteil Hamm einzusetzen.

Deshalb Stadtveränderer. Der Name bringt die DNA unserer sozialen Bürogemeinschaft auf den Punkt, denn „Miete zahlen reicht hier nicht“. Unter diesem Titel erschien letztens ein Artikel im Hamburger Abendblatt über uns und diese Überschrift trifft es: Wer in unserem Loft einen der 12 möblierten Arbeitsplätze mieten will, für den ist die freiwillige Verpflichtung zum Engagement Voraussetzung für den Einzug. Denn wir möchten keine bloße Kreativen-Bürogemeinschaft sein – davon gibt es in Hamburg genug. Unser Ziel ist es, in unserem Büro engagierte Leute zu vernetzen und damit ganz natürlich neues Engagement entstehen zu lassen.

Gründer und Vermieter sind die Architektin Dorothea Pieper, ihr Mann Detlef, der als Pastor und Bautechniker arbeitet, und ich, ihre langjährige Freundin Anne Albers-Dahnke. Am Anfang unserer Idee stand eine Frage: Wie will ich in Zukunft arbeiten? Die gemeinsame Antwort ist das Stadtveränderer-Büro: Ein ästhetisch gestalteter Ort, wo wir uns zuhause fühlen und von montags bis freitags gerne hingehen. Wo wir in einer Gemeinschaft arbeiten, die etwas bewegen will und für die das Tagwerk mehr ist als Maloche. 

Den passenden Raum dafür haben wir in einem 270qm-Loft im Hamburger Osten gefunden, im gut angebundenen Stadtteil Hamm. Das Loft stand lange leer, denn die Fläche war runtergerockt. Monatelang haben wir zu dritt hinter der Staubwand an unseren Rechnern gesessen, während Handwerker Wände abrissen und einbauten, Wasserrohre unter groben Bohlen verlegten und neue Strom- und Netzkabel durch den weiten Raum zogen. Wir haben Löcher verspachtelt, gebohrt und gebaut. 

Dabei war uns wichtig, den rauen Charme der Fläche zu erhalten. Der Boden ist grob und uneben, an manchen Deckenpartien liegen die Farb- und Putzschichten der letzten Jahrzehnte frei und durchbrechen die frisch geweißten Flächen. Wenn man durch den Raum geht, genießt man Weitraum-Blick, helle Aussichten und besondere Ansichten: Zeitgeprägte Säulen, Klimperkiste vor englischer Tapete, Espressomaschine auf Werkbank, alte Stechuhr auf Ikea-Sideboard. Aus Gebrauchsgut haben wir neue Räume geschaffen: aus Europlatten entstand ein großer Lagerraum, in dem Drucker, IT und Büroordner in Regalreihen verschwinden. Aus einer Stückgut-Box ist ein Rückzugsort für Gespräche geworden, eine kleine Transportbox wurde zur Telefonzelle. 

Das Loft liegt in einem Stadtteil, der bei Hamburgern nicht gerade für Kreativität und Innovation steht. Eher für Nachkriegsbauten und Gehwagen. Aber Hamm wird unterschätzt. Dorothea und Detlef, die mit Herzblut Hammer sind, haben nach und nach die raue Schönheit und die kreativen Kleinode dieses Stadtteils entdeckt. Anne wohnt mit Mann und Sohn zwar in Winterhude – einer dieser beliebten Stadtteile westlich der Alster –, aber seit sie genauer hinguckt, hat sie sich auch in Hamm verliebt.

In diesem Stadtteil möchten wir für Leute Heimat entstehen lassen, in dem wir ihn positiv mitprägen. Zum Beispiel direkt vor dem Balkon der Piepers: eine kleine Grünfläche zwischen den Fahrradständern war übersät von Kothaufen und Zigarettenstummeln. Dorothea und Detlef haben die Fläche bepflanzt, einfach nur, damit jemand ein Lächeln aufs Gesicht kriegt, wenn er morgens zwischen blühenden Blumen sein Fahrrad abschließt. 

Auch mit kleinen und größeren Veranstaltungen möchten wir Hamm bewegen und beleben: Mit Nachbarschaftsumtrünken und Lesungen, die wir zusammen mit der einzigen Hammer Buchhandlung „Seitenweise“ ausrichten. Mit Konzerten, die wir manchmal auch gemeinsam mit Hausnachbarn initiieren.  

Für uns sind es schöne Signale, wenn andere Hammer auf uns zukommen: Vor kurzem hat ein Lehrer angefragt, ob wir Schüler bei einem historischen Kunstprojekt unterstützen würden. Letztens sprach uns eine preisgekrönte Kindermode-Designerin an, ob wir nicht mal was gemeinsam machen wollen. 

Als Stadtveränderer laden wir einmal im Monat zum „Hammer Gebet“ ein. Dabei geht es um alles, was den Stadtteil und die Hammer bewegt: Z.B. ein Aufzug für den benachbarten S-Bahnhof, das Überleben kleiner Läden, Kraft für die Lehrer an den Schulen.... Jeden Donnerstag gibt es das „Andächtle“, eine 15-minütige spirituelle Pause für unser Büro und die Nachbarn im Haus. Wenn es passt, essen wir danach gemeinsam. 

Im Non-Profit-Bereich unseres Lofts, einer Sitzlandschaft mit Sofa, bequemen Sesseln und z-förmigen Betonhockern, werkeln christliche Initiativen wie „Gemeinsam für Hamburg“ und „mission-net“. Hier tummeln sich neben den Angestellten zeitweise auch junge Leute, die ehrenamtlich Kongresse mitorganisieren. Auch dafür bieten wir mit unserem Büro eine flexible Fläche. 

Trotzdem stehen wir noch am Anfang. Erst im September 2012 haben wir das Büro eröffnet. 11 der 12 Arbeitsplätze sind inzwischen fest vermietet, aber einen weiteren Stadtveränderer suchen wir noch. Wie wir unsere Idee weiterentwickeln und wohin wir unser Engagement drehen wollen, das ist jetzt unsere Herausforderung. Denn im schnellen Arbeitsleben ist es nicht einfach, Freiraum zum Schnacken und Aktivwerden zu finden. Deshalb backen wir häufig kleine Brötchen. 

Und wir wollen neben Arbeit und Aktion auch noch Luft haben für den bewussten Streifzug durch den Stadtteil und den Schnack mit unseren Nachbarn, denn in der anonymen Großstadt-Nachbarschaft ist es ein besonderes Gefühl, wenn man nicht aneinander vorbei läuft, sondern sich kennt. So entsteht Heimat vor der Haustür. Wir sind da noch lange nicht angekommen. Aber wir sind dran.  

(Erschienen in: RAD Magazin, 2/2013)