Wir kurbelten die Fenster runter, hielten unsere Gesichter in den Fahrtwind und drehten die Musik voll auf. An der Ampel gafften uns die Leute an, weil die Bässe dröhnten und der Auspuff des alten Kadetts röhrte. Wie prollig! Uns war das egal. Denn wir erlebten die ersten Tage der Freiheit.

Eine gute Freundin und ich waren gerade raus von Zuhause in unsere erste WG gezogen. Wir platzen vor Freude und Feierlaune. Was war das groß: Endlich ein Dasein ohne Eltern und ihre Ansagen. Endlich nur ich! Das Leben – alles meins! So antörnend kann die Freiheit sein. Auch wenn mein WG-Zimmer nur 9 qm maß und das Benzingeld ständig knapp war.

Solch ein starkes Freiheitsgefühl habe ich bis jetzt nicht wieder empfunden. Vielleicht annähernd als ich meine Festanstellung kündigte und in die Selbstständigkeit startete. Leider verliert sich die Lust an neuen Freiheiten schnell: Ein selbstbestimmtes Leben? Normal! Eine eigene Wohnung? Normal! Mein eigener Chef sein? Normal! 

Allerdings sind Freiheiten nur so lange normal bis sie wieder weg sind. Wie jetzt. Ich habe zwar noch eine eigene Wohnung und bin auch noch Freiberuflerin, aber meine Selbstbestimmung ist futsch – seit ich zwei kleine Kinder habe. Ja, isso. Auch wenn ich als Mutter durchaus einiges entscheide, bestimmen letztlich meine Kinder, was geht. Ihr Bedürfnis nach Routinen, ihre schwankenden Gefühle und ihre Interessen geben den Ton in meinem Alltag an. 

Viel Freiheit für mein Ding habe ich gerade nicht und was ich mir früher beiläufig gönnte – ein ruhiges Frühstück im Café, einen selbstvergessenen Tag am Meer, oder Kunstbeschau – muss ich heute akribisch organisieren. 

An besonders anstrengenden Tagen bin ich froh, wenn ich zumindest die Freiheit meiner Gedanken feiern kann. Und den Geist der Freiheit spüre: „Der Herr aber ist der Geist, und wo immer der Geist des Herrn ist, ist Freiheit. (Korinther 3,17).“ Der Geist des Herrn ist für mich das Freiheitskonzentrat. Der Geist Gottes beinhaltet alle Freiheiten dieser und der anderen Welt. Er flüstert mir zu:

Du bist frei vom Gesetz.
Frei davon, dich zu erlösen.
Du bist frei von gesellschaftlichen Klischees. Von den Vorgaben und Erwartungen anderer.
Du bist frei von deinen Möglichkeiten und deiner Denke. Von deinem Alltagskram.
Du bist mehr. Denn ich bin mehr.

Betrachte den grenzenlosen Horizont.
Sieh die Weite des Meeres.
Stehe auf einem Gipfel, hoch über den Tälern.
Blicke über die Dächer deiner Stadt.
Und atme, wozu ich dich berufen habe: Freiheit.
Fühle, denke, gestalte, was immer du magst. 
Ich mache dir den Raum weit. 

Der Geist Gottes gibt mir Freiheit, auch wenn mein Alltagsleben gerade unflexibel ist. Denn sein Geist ist unabhängig von Lebensumständen, Ort und Materie. Er kann Freiheit schaffen am engsten Ort und hinter der engsten Stirn. 

In meinem Kopf ist deshalb immer Platz für Freiheit. Der Geist des Herrn pustet mir den Kopf frei, damit ich anders denken kann – auch über mich und über das, was in meinem Leben möglich ist. Er befähigt mich zu neuen Erkenntnissen und Ideen. 

Der Geist Gottes lässt mich auch nach einem „anderen Leben“ suchen. Ganz konkret: Muss ich mein Leben auf Spielplätzen verbringen? Rausziehen ins Grüne? Meine Zukunft durch ein Haus sichern? Den Mann das Geld ranschaffen lassen? 

Ich spüre immer wieder, dass einiges, was gang und gäbe ist, für mich nicht passt. Und für meinen Mann auch nicht. Deshalb suchen wir nach unseren Wegen – im Sinne der Freiheit: Mein Mann hat als erster Manager in seiner Firma zwei Monate Elternzeit genommen, schlägt Dienstreisen und Geschäftsessen aus, um bei mir und unseren Kindern zu sein. Und: Er hat seinen Job noch.

Nach der Geburt meines Sohnes habe ich mit Freunden die „Stadtveränderer“ gegründet, eine Bürogemeinschaft für Leute, die ihre Arbeit und ihren Glauben mit gesellschaftlichem Engagement verbinden wollen. Denn ich kann nicht ausschließlich Mutter sein, ich möchte auch kreativ arbeiten in einem Umfeld mit Courage. Damit ich in meinem schönen Büro sein kann, muss ich neben meinem Schreibtisch bald eine Spielwiese aufbauen für meine Baby-Tochter. 

Wenn alles klappt, ziehen wir demnächst in ein Genossenschaftshaus nahe der Hamburger Außenalster, das gerade im Bau ist. Wir wollen dort mit meinen Eltern, alten und neuen Freunden ein Wohnprojekt gestalten für Gemeinschaft, Unterstützung und Gebet von Tür zu Tür. Das haben wir fünf Jahre lang vorbereitet. 

Diese persönlichen Wege vermindern nicht gerade die Anstrengung in unserem Leben. Wir haben viel zu organisieren. Aber trotzdem machen wir das, weil wir die Freiheit brauchen, die darin steckt. Es ist nicht so, dass mich diese Freiheiten antörnen wie meine erste WG damals. Aber es ist wie ein stetiges Nippen am Freiheitskonzentrat, wie ein Dauerhauch des Freiheitsgeistes Gottes. 

Deshalb tue ich es wieder: Ich kurbele das Fenster runter, halte das Gesicht in den Fahrtwind und drehe das Autoradio voll auf. „Ba-ba-ba-ba-barfuß“ schallt es von der Kinderlieder-CD aus dem Fenster. Der Jeep-Fahrer neben uns schaut rüber und runzelt die Stirn. – Bestens! Es geht doch noch. 

(erschienen in dem Buch "Nicht von dieser Welt. Das WortProjekt: Gedanken zwischen Himmel und Erde", Januar 2015)