Es ist 20.15 Uhr, die Tagesschau ist vorbei. Die gute Nachricht des Tages ist das Wetter: Die Sonne scheint weiter, blauer Himmel über Deutschland. Wie ironisch. Anderswo schauen Menschen angsterfüllt in den Himmel, denn da fliegt Gefahr. Es kommt nichts Gutes von oben: Bomben fallen, explodieren und reißen alles in Stücke.

Das tun sich Menschen gegenseitig an – momentan in mehreren Krisenregionen auf der Erde. Und der Rest der Welt muss zusehen. Die Bilder voller Waffen, Blut und Tränen gibt es direkt vor dem Spielfilm.

Der Fernseher hat einen Aus-Knopf. Aber wer hat den Knopf, um Krieg und Terror zu beenden? – Gott! Goooott? Bist du da?
Wie wäre es mit einem globalen Neustart? „Boote“ die Welt neu und wir fangen einfach von vorne an. Denn deine Menschen hungern nach Frieden. Wir wollen wieder auf einer unbefleckten Erde wohnen und nach oben in einen reinen Himmel schauen! 

Dein Prophet Jesaja schrieb vor langer Zeit deine Verheißung auf: „Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und an das Frühere wird man nicht mehr denken, und es wird nicht mehr in den Sinn kommen.“ Das hört sich paradiesisch an. 

Wann schaffst du diese neue Erde und diesen neuen Himmel, Herr? Allzu gerne möchten wir nicht mehr an das Frühere denken. Wir wollen uns nicht mehr daran erinnern, was uns entzweite. Wir wollen uns wieder verstehen, eine Sprache sprechen. Wir sehnen uns nach einem großen Ganzen, das funktioniert. Wir wollen eins sein mit allem, was atmet. 

Glauben wir noch daran?
Das wäre genial. Globale Harmonie. Aber wieso klingt das albern? Weil wir an den Weltfrieden nicht mehr glauben können. Unseretwegen. Da die Missgunst, der Hass, der Geiz und die Gier in uns sind. Genauso wie die Liebe. Und weil das Böse auf unserer Welt scheinbar mühelos agiert, während das Gute entbehrungsvoll dagegen anarbeiten muss. Gutmenschen und Weltverbesserern haftet etwas beinahe Verdächtiges an. Sie ernten mehr Argwohn als Applaus – außer bei vorweihnachtlichen Spendengalas.

Warum? Weil wir lernen mussten, dass gerade die Idealisten von ihren starken Überzeugungen verführt werden, diese mit Gewalt durchzusetzen. Idealistische Pläne haben sich häufig in die übelsten Diktaturen verkehrt. Es gab bereits einige, die den Menschen ihrer Zeit eine neue Welt versprachen und die Hölle auf Erde erfanden. 

Dennoch verlieren wir den Glauben an deine neue Erde und deinen neuen Himmel nicht, Herr. Denn unser Glaube an dich bleibt wie die Sonne, der Mond und die Sterne, die sich dem Zugriff des Bösen entziehen. Die Milchstraße ist eine verbrecherlose Welt, in der wir gedanklich spazieren gehen können. 

Manchmal sind die neue Erde und der neue Himmel bereits da. Im Moment. Wenn das alte Leben untergetaucht wird und auftaucht mit einer neuen Perspektive – wie bei einer Taufe. Wenn sich zwei stritten und wieder versöhnen. Wenn ein Kind auf die Straße läuft und kein Auto kommt. Wenn der Krebs besiegt ist. Wenn sich zwei verlieben. Wenn jemand den Job hinschmeißt und etwas beginnt, was zu ihm passt. Wenn ein gesundes Baby geboren wird. Wenn man am richtigen Ort zur richtigen Zeit ist. Wenn einer die Waffen niederlegt. Wenn die Mauer fällt. Wenn einer die Lösung findet. Wenn endlich einer sagt, wie es ist. Dann ragen der neue Himmel und die neue Erde in diese Welt hinein und verändern sie. 

Die Sehnsucht nach dem Neuen
In solchen Momenten kommt uns das, was früher war, nicht in den Sinn. Alles ist ganz und gar neu. Das tut gut, denn wir brauchen Neustarts und Neuschöpfungen im Leben. Wir brauchen es, uns ab und zu neu zu erfinden, damit wir uns treu bleiben können.

Auch unsere Welt hat sich immer wieder neu erfunden. Siehe: das Internet und die politische Freiheit, in der wir hier leben. Wir haben mehr Möglichkeiten als jemals zuvor eins zu sein, um gemeinsam Ideen zu entwickeln und Innovationen zu schaffen. Um Lösungen für Probleme zu finden und Produkte mit Wert auf den Markt zu bringen. Um Grenzen zu überwinden und Diktaturen zu unterwandern. Oder um gute Worte zu verbreiten. Das kann unser Anteil an der neuen Erde sein. 

Dafür entfache in uns die Sehnsucht nach deinem neuen Himmel und deiner neuen Erde, Herr. Denn wir sind manchmal müde, danach zu suchen, auch weil wir auf der satten Seite der Welt leben. Und wir sind verzagt, weil wir an dem festhalten wollen, was wir sicher haben. Obwohl Jesus uns gezeigt hat, was möglich ist, wenn du was Neues schaffst: „Blinde werden sehend, und Lahme gehen, Aussätzige werden gereinigt, und Taube hören, und Tote werden auferweckt, und Armen wird gute Botschaft verkündigt“ (Matthäus 11,5). 

Was wird als nächstes passieren? Wir haben keinen blassen Schimmer. Aber wir werden die Momente genießen, in denen wir das Gefühl haben, dass du uns in eine neue Welt führst, Herr. Denn dort wird man „nichts Böses und nichts Schlechtes tun“ (Jesaja 65, 25). 

(erschienen in dem Buch "Nicht von dieser Welt. Das WortProjekt: Gedanken zwischen Himmel und Erde", Januar 2015)