Vor mir geht es steil hinab. Zwischen mir und dem Abgrund gibt es nur eine niedrige Mauer aus Lavagestein. Von meinem Hotel-Liegestuhl aus habe ich einen bombastischen Blick auf den Krater und die Inselformationen, die der Vulkanausbruch hinterlassen hat. Unter mir glitzert das Ägäische Meer, über dem gerade die Sonne untergeht. Ich nippe an meinem kokosnussigen Cocktail und beiße in die saftige Ananasscheibe, die das Glas bis eben hübsch dekoriert hat. „So, das ist also der Sonnenuntergang über Santorin“, denke ich. Und gleich danach: „Mann, bin ich abgeschmackt!“ Das hier ist spektakulär, da wäre schon ein Staunen angebracht ... Komisch, ich staune nicht. Naja, vielleicht ist ein Sonnenuntergang einfach Sonnenuntergang, ganz gleich, wo auf der Welt. Diese Szene könnte auch im Prediger stehen. Allerdings würde der Prediger noch den Spruch hinterherschieben „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“, sich einen „Sex on the Beach“ bestellen und mit fadem Gefühl zusehen, wie sich eben diese im Meer ertränkt.

Vergängliche Pläne
Mich fasziniert die ernüchterte Stimmung des Predigers, seit ich als identitätskriselnde Studentin das erste Mal auf ihn stieß. Seine Sichtweise ist besonders. Wenn die Autoren anderer Bücher des Alten Testamentes die Fäuste zornig gen Himmel recken oder Loblieder anstimmen, zuckt der Prediger nur mit den Achseln und gibt sich dem Gefühl der Sinnlosigkeit hin. Er erlaubt es sich, in pessimistischen Gefühlen zu baden, ohne ihnen ein Happy End zu geben. Ich mag seine Melancholie – sie tröstet und entspannt mich, wenn ich traurig oder enttäuscht bin. Wenn ich gerade eine anstrengende Veränderung durchmache oder nicht zufrieden mit mir bin. Oder wenn ich mich in einer Warteschleife befinde und nicht weiß, was als nächstes kommt. Auch wenn ich vieles will und zu wenig schaffe, dann sind diese Worte Balsam für mich: „Ich habe die Menschen bei ihrem täglichen Tun beobachtet. Es ist alles sinnlos und gleicht dem Versuch, den Wind einzufangen..“ 

Ich nehme diesen Spruch persönlich: Dein Tun ist vergänglich, Anne, also warum strengst du dich an? Deine Pläne sind ein Windhauch, also lass alle Fünfe gerade sein. Du versuchst das Beste aus deinem Leben zu machen? Schnick-Schnack. Dein Streben ist so flüchtig, wie der Wind – also hör auf, alles Mögliche zu wollen. 

 Ich finde es befreiend, mich damit zu konfrontieren, dass mein Leben ein „Pups“ im Lauf der Geschichte ist, auch wenn es an sich in Gottes Augen wertvoll ist. Ich bin so lange da, wie ich da bin. Aber so lange ich da bin, halte ich mich an den ewigen Gott, das habe ich beschlossen. Denn der ist noch länger da. Und ich strebe nach dem Ewigen: Noch ein bisschen die Welt retten – auf jeden Fall! Aber ein Denkmal springt für mich nicht dabei raus. Ich kann mich nicht verewigen. Auch Gottes Helden sind vergänglich, sagt der Prediger. 

Und rein ins Vergnügen
Der Prediger setzt alles daran, auf nichts in seinem Leben zu setzen. Das ist nicht meine Einstellung, aber es passiert mir auch, dass ich an den besten Ideen zweifele, denn wie häufig schlagen sie ins Gegenteil um. Der Prediger sieht sich alles Tun unter der Sonne an, zieht in weiteren poetischen Zeilen über die sinnlose Verschwendungssucht und Völlerei in der Welt her, sagt sich dann „Ach, was soll’s!“ und greift zum nächsten Glas Wein. Carpe diem und rein ins Vergnügen. Das ist ambivalent, aber ehrlich. Mich beeindruckt, wie er sich den Ungereimtheiten des Lebens stellt und nicht so tut, als könne er sie auflösen. Das macht den Prediger ruhelos, aber darin ist er Gott vielleicht näher als mancher Zufriedener. 

Es verunsichert mich genauso wie den Prediger, dass das Leben nicht nach zuverlässigen Gesetzmäßigkeiten funktioniert, wie zum Beispiel nach Ursache und Wirkung: Dann hätte Krankheit eine klare Ursache, genauso wie Reichtum und Glück. Aber so einfach ist es nicht. Es ist eher, wie es ist. Und ich kann nicht ergründen, wieso. „Gott hat die Ewigkeit in die Herzen der Menschen gelegt. Aber sie sind nicht in der Lage, das Ausmaß des Wirkens Gottes zu erkennen; sie durchschauen weder, wo es beginnt, noch, wo es endet.“ (nach Prediger 3,11). Damit spricht mir der Prediger aus dem Herzen. 

 Aber der ist eigentlich nicht so schlecht drauf, wie er tut: Der Prediger nippt an seinem Cocktail und schaut über den Abgrund hinweg mit stiller, ironischer Distanz dem Sonnenuntergang auf Santorin zu. Aber er stürzt sich nicht in den Abgrund. Er ist eher der Typ, der andere an einen so schönen Ort wie diesen bringt und ihnen einen Cocktail ausgibt – für ein flüchtiges Vergnügen mit Blick auf ewiges Gestein. Im Grunde ist der Prediger ein sehr angenehmer Reisebegleiter. 

(erschienen im dem Buch "Das WortProjekt", Januar 2014)

Es ist 20.15 Uhr, die Tagesschau ist vorbei. Die gute Nachricht des Tages ist das Wetter: Die Sonne scheint weiter, blauer Himmel über Deutschland. Wie ironisch. Anderswo schauen Menschen angsterfüllt in den Himmel, denn da fliegt Gefahr. Es kommt nichts Gutes von oben: Bomben fallen, explodieren und reißen alles in Stücke.

Das tun sich Menschen gegenseitig an – momentan in mehreren Krisenregionen auf der Erde. Und der Rest der Welt muss zusehen. Die Bilder voller Waffen, Blut und Tränen gibt es direkt vor dem Spielfilm.

Der Fernseher hat einen Aus-Knopf. Aber wer hat den Knopf, um Krieg und Terror zu beenden? – Gott! Goooott? Bist du da?
Wie wäre es mit einem globalen Neustart? „Boote“ die Welt neu und wir fangen einfach von vorne an. Denn deine Menschen hungern nach Frieden. Wir wollen wieder auf einer unbefleckten Erde wohnen und nach oben in einen reinen Himmel schauen! 

Dein Prophet Jesaja schrieb vor langer Zeit deine Verheißung auf: „Denn siehe, ich schaffe einen neuen Himmel und eine neue Erde. Und an das Frühere wird man nicht mehr denken, und es wird nicht mehr in den Sinn kommen.“ Das hört sich paradiesisch an. 

Wann schaffst du diese neue Erde und diesen neuen Himmel, Herr? Allzu gerne möchten wir nicht mehr an das Frühere denken. Wir wollen uns nicht mehr daran erinnern, was uns entzweite. Wir wollen uns wieder verstehen, eine Sprache sprechen. Wir sehnen uns nach einem großen Ganzen, das funktioniert. Wir wollen eins sein mit allem, was atmet. 

Glauben wir noch daran?
Das wäre genial. Globale Harmonie. Aber wieso klingt das albern? Weil wir an den Weltfrieden nicht mehr glauben können. Unseretwegen. Da die Missgunst, der Hass, der Geiz und die Gier in uns sind. Genauso wie die Liebe. Und weil das Böse auf unserer Welt scheinbar mühelos agiert, während das Gute entbehrungsvoll dagegen anarbeiten muss. Gutmenschen und Weltverbesserern haftet etwas beinahe Verdächtiges an. Sie ernten mehr Argwohn als Applaus – außer bei vorweihnachtlichen Spendengalas.

Warum? Weil wir lernen mussten, dass gerade die Idealisten von ihren starken Überzeugungen verführt werden, diese mit Gewalt durchzusetzen. Idealistische Pläne haben sich häufig in die übelsten Diktaturen verkehrt. Es gab bereits einige, die den Menschen ihrer Zeit eine neue Welt versprachen und die Hölle auf Erde erfanden. 

Dennoch verlieren wir den Glauben an deine neue Erde und deinen neuen Himmel nicht, Herr. Denn unser Glaube an dich bleibt wie die Sonne, der Mond und die Sterne, die sich dem Zugriff des Bösen entziehen. Die Milchstraße ist eine verbrecherlose Welt, in der wir gedanklich spazieren gehen können. 

Manchmal sind die neue Erde und der neue Himmel bereits da. Im Moment. Wenn das alte Leben untergetaucht wird und auftaucht mit einer neuen Perspektive – wie bei einer Taufe. Wenn sich zwei stritten und wieder versöhnen. Wenn ein Kind auf die Straße läuft und kein Auto kommt. Wenn der Krebs besiegt ist. Wenn sich zwei verlieben. Wenn jemand den Job hinschmeißt und etwas beginnt, was zu ihm passt. Wenn ein gesundes Baby geboren wird. Wenn man am richtigen Ort zur richtigen Zeit ist. Wenn einer die Waffen niederlegt. Wenn die Mauer fällt. Wenn einer die Lösung findet. Wenn endlich einer sagt, wie es ist. Dann ragen der neue Himmel und die neue Erde in diese Welt hinein und verändern sie. 

Die Sehnsucht nach dem Neuen
In solchen Momenten kommt uns das, was früher war, nicht in den Sinn. Alles ist ganz und gar neu. Das tut gut, denn wir brauchen Neustarts und Neuschöpfungen im Leben. Wir brauchen es, uns ab und zu neu zu erfinden, damit wir uns treu bleiben können.

Auch unsere Welt hat sich immer wieder neu erfunden. Siehe: das Internet und die politische Freiheit, in der wir hier leben. Wir haben mehr Möglichkeiten als jemals zuvor eins zu sein, um gemeinsam Ideen zu entwickeln und Innovationen zu schaffen. Um Lösungen für Probleme zu finden und Produkte mit Wert auf den Markt zu bringen. Um Grenzen zu überwinden und Diktaturen zu unterwandern. Oder um gute Worte zu verbreiten. Das kann unser Anteil an der neuen Erde sein. 

Dafür entfache in uns die Sehnsucht nach deinem neuen Himmel und deiner neuen Erde, Herr. Denn wir sind manchmal müde, danach zu suchen, auch weil wir auf der satten Seite der Welt leben. Und wir sind verzagt, weil wir an dem festhalten wollen, was wir sicher haben. Obwohl Jesus uns gezeigt hat, was möglich ist, wenn du was Neues schaffst: „Blinde werden sehend, und Lahme gehen, Aussätzige werden gereinigt, und Taube hören, und Tote werden auferweckt, und Armen wird gute Botschaft verkündigt“ (Matthäus 11,5). 

Was wird als nächstes passieren? Wir haben keinen blassen Schimmer. Aber wir werden die Momente genießen, in denen wir das Gefühl haben, dass du uns in eine neue Welt führst, Herr. Denn dort wird man „nichts Böses und nichts Schlechtes tun“ (Jesaja 65, 25). 

(erschienen in dem Buch "Nicht von dieser Welt. Das WortProjekt: Gedanken zwischen Himmel und Erde", Januar 2015)

Wir kurbelten die Fenster runter, hielten unsere Gesichter in den Fahrtwind und drehten die Musik voll auf. An der Ampel gafften uns die Leute an, weil die Bässe dröhnten und der Auspuff des alten Kadetts röhrte. Wie prollig! Uns war das egal. Denn wir erlebten die ersten Tage der Freiheit.

Eine gute Freundin und ich waren gerade raus von Zuhause in unsere erste WG gezogen. Wir platzen vor Freude und Feierlaune. Was war das groß: Endlich ein Dasein ohne Eltern und ihre Ansagen. Endlich nur ich! Das Leben – alles meins! So antörnend kann die Freiheit sein. Auch wenn mein WG-Zimmer nur 9 qm maß und das Benzingeld ständig knapp war.

Solch ein starkes Freiheitsgefühl habe ich bis jetzt nicht wieder empfunden. Vielleicht annähernd als ich meine Festanstellung kündigte und in die Selbstständigkeit startete. Leider verliert sich die Lust an neuen Freiheiten schnell: Ein selbstbestimmtes Leben? Normal! Eine eigene Wohnung? Normal! Mein eigener Chef sein? Normal! 

Allerdings sind Freiheiten nur so lange normal bis sie wieder weg sind. Wie jetzt. Ich habe zwar noch eine eigene Wohnung und bin auch noch Freiberuflerin, aber meine Selbstbestimmung ist futsch – seit ich zwei kleine Kinder habe. Ja, isso. Auch wenn ich als Mutter durchaus einiges entscheide, bestimmen letztlich meine Kinder, was geht. Ihr Bedürfnis nach Routinen, ihre schwankenden Gefühle und ihre Interessen geben den Ton in meinem Alltag an. 

Viel Freiheit für mein Ding habe ich gerade nicht und was ich mir früher beiläufig gönnte – ein ruhiges Frühstück im Café, einen selbstvergessenen Tag am Meer, oder Kunstbeschau – muss ich heute akribisch organisieren. 

An besonders anstrengenden Tagen bin ich froh, wenn ich zumindest die Freiheit meiner Gedanken feiern kann. Und den Geist der Freiheit spüre: „Der Herr aber ist der Geist, und wo immer der Geist des Herrn ist, ist Freiheit. (Korinther 3,17).“ Der Geist des Herrn ist für mich das Freiheitskonzentrat. Der Geist Gottes beinhaltet alle Freiheiten dieser und der anderen Welt. Er flüstert mir zu:

Du bist frei vom Gesetz.
Frei davon, dich zu erlösen.
Du bist frei von gesellschaftlichen Klischees. Von den Vorgaben und Erwartungen anderer.
Du bist frei von deinen Möglichkeiten und deiner Denke. Von deinem Alltagskram.
Du bist mehr. Denn ich bin mehr.

Betrachte den grenzenlosen Horizont.
Sieh die Weite des Meeres.
Stehe auf einem Gipfel, hoch über den Tälern.
Blicke über die Dächer deiner Stadt.
Und atme, wozu ich dich berufen habe: Freiheit.
Fühle, denke, gestalte, was immer du magst. 
Ich mache dir den Raum weit. 

Der Geist Gottes gibt mir Freiheit, auch wenn mein Alltagsleben gerade unflexibel ist. Denn sein Geist ist unabhängig von Lebensumständen, Ort und Materie. Er kann Freiheit schaffen am engsten Ort und hinter der engsten Stirn. 

In meinem Kopf ist deshalb immer Platz für Freiheit. Der Geist des Herrn pustet mir den Kopf frei, damit ich anders denken kann – auch über mich und über das, was in meinem Leben möglich ist. Er befähigt mich zu neuen Erkenntnissen und Ideen. 

Der Geist Gottes lässt mich auch nach einem „anderen Leben“ suchen. Ganz konkret: Muss ich mein Leben auf Spielplätzen verbringen? Rausziehen ins Grüne? Meine Zukunft durch ein Haus sichern? Den Mann das Geld ranschaffen lassen? 

Ich spüre immer wieder, dass einiges, was gang und gäbe ist, für mich nicht passt. Und für meinen Mann auch nicht. Deshalb suchen wir nach unseren Wegen – im Sinne der Freiheit: Mein Mann hat als erster Manager in seiner Firma zwei Monate Elternzeit genommen, schlägt Dienstreisen und Geschäftsessen aus, um bei mir und unseren Kindern zu sein. Und: Er hat seinen Job noch.

Nach der Geburt meines Sohnes habe ich mit Freunden die „Stadtveränderer“ gegründet, eine Bürogemeinschaft für Leute, die ihre Arbeit und ihren Glauben mit gesellschaftlichem Engagement verbinden wollen. Denn ich kann nicht ausschließlich Mutter sein, ich möchte auch kreativ arbeiten in einem Umfeld mit Courage. Damit ich in meinem schönen Büro sein kann, muss ich neben meinem Schreibtisch bald eine Spielwiese aufbauen für meine Baby-Tochter. 

Wenn alles klappt, ziehen wir demnächst in ein Genossenschaftshaus nahe der Hamburger Außenalster, das gerade im Bau ist. Wir wollen dort mit meinen Eltern, alten und neuen Freunden ein Wohnprojekt gestalten für Gemeinschaft, Unterstützung und Gebet von Tür zu Tür. Das haben wir fünf Jahre lang vorbereitet. 

Diese persönlichen Wege vermindern nicht gerade die Anstrengung in unserem Leben. Wir haben viel zu organisieren. Aber trotzdem machen wir das, weil wir die Freiheit brauchen, die darin steckt. Es ist nicht so, dass mich diese Freiheiten antörnen wie meine erste WG damals. Aber es ist wie ein stetiges Nippen am Freiheitskonzentrat, wie ein Dauerhauch des Freiheitsgeistes Gottes. 

Deshalb tue ich es wieder: Ich kurbele das Fenster runter, halte das Gesicht in den Fahrtwind und drehe das Autoradio voll auf. „Ba-ba-ba-ba-barfuß“ schallt es von der Kinderlieder-CD aus dem Fenster. Der Jeep-Fahrer neben uns schaut rüber und runzelt die Stirn. – Bestens! Es geht doch noch. 

(erschienen in dem Buch "Nicht von dieser Welt. Das WortProjekt: Gedanken zwischen Himmel und Erde", Januar 2015)

Bunte Buchstaben tanzen auf dem Schild an der Hinterhof-Einfahrt das Wort „Stadtveränderer“. Nebenan unter der Brücke rattert eine S-Bahn vorbei. Vor dem Bäcker sitzen Nachbarn mit einem Becher Kaffee in den ersten Sonnenstrahlen des Tages.

Ein paar Schritte weiter im Hinterhof ragt eine rote, neu verputzte Fassade auf, die das echte Alter des Hauses verbirgt: Es ist ein Fabrikgebäude von 1911, in dem eine stadtbekannte Manufaktur edle Etuis herstellt, ein Stoffhandel seine Meterware vertreibt und ansonsten Schauspieler, Maler und Werber in großen Lofts arbeiten. Tritt man ein, zeigt das Gebäude sein wahres Gesicht: Der Boden ist bucklig, an den Wänden prangen klobige Verteilerkästen, Kritzeltexte und Graffitis begleiten einen die abgetretenen Treppenstufen hinauf bis in den 4. Stock. Dort tanzen auf einer schweren Stahltür wieder die bunten Buchstaben „Stadtveränderer“.

Die Stadtveränderer sind wir: 11 Leute, die auf weiter Fläche nebeneinander und manchmal auch miteinander arbeiten – als Angestellte von christlichen Netzwerken und freiberuflich als Architektin, Journalistin, Pastor, Grafik-Designer, Schauspieler und Rechtsanwalt. Uns eint der Wunsch, uns neben dem Broterwerb auch sozial, künstlerisch oder christlich für Hamburg und unseren Stadtteil Hamm einzusetzen.

Deshalb Stadtveränderer. Der Name bringt die DNA unserer sozialen Bürogemeinschaft auf den Punkt, denn „Miete zahlen reicht hier nicht“. Unter diesem Titel erschien letztens ein Artikel im Hamburger Abendblatt über uns und diese Überschrift trifft es: Wer in unserem Loft einen der 12 möblierten Arbeitsplätze mieten will, für den ist die freiwillige Verpflichtung zum Engagement Voraussetzung für den Einzug. Denn wir möchten keine bloße Kreativen-Bürogemeinschaft sein – davon gibt es in Hamburg genug. Unser Ziel ist es, in unserem Büro engagierte Leute zu vernetzen und damit ganz natürlich neues Engagement entstehen zu lassen.

Gründer und Vermieter sind die Architektin Dorothea Pieper, ihr Mann Detlef, der als Pastor und Bautechniker arbeitet, und ich, ihre langjährige Freundin Anne Albers-Dahnke. Am Anfang unserer Idee stand eine Frage: Wie will ich in Zukunft arbeiten? Die gemeinsame Antwort ist das Stadtveränderer-Büro: Ein ästhetisch gestalteter Ort, wo wir uns zuhause fühlen und von montags bis freitags gerne hingehen. Wo wir in einer Gemeinschaft arbeiten, die etwas bewegen will und für die das Tagwerk mehr ist als Maloche. 

Den passenden Raum dafür haben wir in einem 270qm-Loft im Hamburger Osten gefunden, im gut angebundenen Stadtteil Hamm. Das Loft stand lange leer, denn die Fläche war runtergerockt. Monatelang haben wir zu dritt hinter der Staubwand an unseren Rechnern gesessen, während Handwerker Wände abrissen und einbauten, Wasserrohre unter groben Bohlen verlegten und neue Strom- und Netzkabel durch den weiten Raum zogen. Wir haben Löcher verspachtelt, gebohrt und gebaut. 

Dabei war uns wichtig, den rauen Charme der Fläche zu erhalten. Der Boden ist grob und uneben, an manchen Deckenpartien liegen die Farb- und Putzschichten der letzten Jahrzehnte frei und durchbrechen die frisch geweißten Flächen. Wenn man durch den Raum geht, genießt man Weitraum-Blick, helle Aussichten und besondere Ansichten: Zeitgeprägte Säulen, Klimperkiste vor englischer Tapete, Espressomaschine auf Werkbank, alte Stechuhr auf Ikea-Sideboard. Aus Gebrauchsgut haben wir neue Räume geschaffen: aus Europlatten entstand ein großer Lagerraum, in dem Drucker, IT und Büroordner in Regalreihen verschwinden. Aus einer Stückgut-Box ist ein Rückzugsort für Gespräche geworden, eine kleine Transportbox wurde zur Telefonzelle. 

Das Loft liegt in einem Stadtteil, der bei Hamburgern nicht gerade für Kreativität und Innovation steht. Eher für Nachkriegsbauten und Gehwagen. Aber Hamm wird unterschätzt. Dorothea und Detlef, die mit Herzblut Hammer sind, haben nach und nach die raue Schönheit und die kreativen Kleinode dieses Stadtteils entdeckt. Anne wohnt mit Mann und Sohn zwar in Winterhude – einer dieser beliebten Stadtteile westlich der Alster –, aber seit sie genauer hinguckt, hat sie sich auch in Hamm verliebt.

In diesem Stadtteil möchten wir für Leute Heimat entstehen lassen, in dem wir ihn positiv mitprägen. Zum Beispiel direkt vor dem Balkon der Piepers: eine kleine Grünfläche zwischen den Fahrradständern war übersät von Kothaufen und Zigarettenstummeln. Dorothea und Detlef haben die Fläche bepflanzt, einfach nur, damit jemand ein Lächeln aufs Gesicht kriegt, wenn er morgens zwischen blühenden Blumen sein Fahrrad abschließt. 

Auch mit kleinen und größeren Veranstaltungen möchten wir Hamm bewegen und beleben: Mit Nachbarschaftsumtrünken und Lesungen, die wir zusammen mit der einzigen Hammer Buchhandlung „Seitenweise“ ausrichten. Mit Konzerten, die wir manchmal auch gemeinsam mit Hausnachbarn initiieren.  

Für uns sind es schöne Signale, wenn andere Hammer auf uns zukommen: Vor kurzem hat ein Lehrer angefragt, ob wir Schüler bei einem historischen Kunstprojekt unterstützen würden. Letztens sprach uns eine preisgekrönte Kindermode-Designerin an, ob wir nicht mal was gemeinsam machen wollen. 

Als Stadtveränderer laden wir einmal im Monat zum „Hammer Gebet“ ein. Dabei geht es um alles, was den Stadtteil und die Hammer bewegt: Z.B. ein Aufzug für den benachbarten S-Bahnhof, das Überleben kleiner Läden, Kraft für die Lehrer an den Schulen.... Jeden Donnerstag gibt es das „Andächtle“, eine 15-minütige spirituelle Pause für unser Büro und die Nachbarn im Haus. Wenn es passt, essen wir danach gemeinsam. 

Im Non-Profit-Bereich unseres Lofts, einer Sitzlandschaft mit Sofa, bequemen Sesseln und z-förmigen Betonhockern, werkeln christliche Initiativen wie „Gemeinsam für Hamburg“ und „mission-net“. Hier tummeln sich neben den Angestellten zeitweise auch junge Leute, die ehrenamtlich Kongresse mitorganisieren. Auch dafür bieten wir mit unserem Büro eine flexible Fläche. 

Trotzdem stehen wir noch am Anfang. Erst im September 2012 haben wir das Büro eröffnet. 11 der 12 Arbeitsplätze sind inzwischen fest vermietet, aber einen weiteren Stadtveränderer suchen wir noch. Wie wir unsere Idee weiterentwickeln und wohin wir unser Engagement drehen wollen, das ist jetzt unsere Herausforderung. Denn im schnellen Arbeitsleben ist es nicht einfach, Freiraum zum Schnacken und Aktivwerden zu finden. Deshalb backen wir häufig kleine Brötchen. 

Und wir wollen neben Arbeit und Aktion auch noch Luft haben für den bewussten Streifzug durch den Stadtteil und den Schnack mit unseren Nachbarn, denn in der anonymen Großstadt-Nachbarschaft ist es ein besonderes Gefühl, wenn man nicht aneinander vorbei läuft, sondern sich kennt. So entsteht Heimat vor der Haustür. Wir sind da noch lange nicht angekommen. Aber wir sind dran.  

(Erschienen in: RAD Magazin, 2/2013)

Zissssssch! Ich drehe den Deckel der Flasche ganz auf. Das kühle Wasser perlt. Ein Strudel Kohlensäurebläschen steigt zum Flaschenhals auf und entlädt sich in die heiße Luft. Draußen sind es gerade 32 Grad. Ein optimaler Strandtag, aber ein denkbar schlechter Bürotag. Jede meiner vom Austrocknen bedrohten Körperzellen sehnt sich nach einer Ganzkörperbewässerung. Ein Büro-Planschbecken wäre jetzt was! Stattdessen sitze ich am Schreibtisch und umarme die gut gekühlte Mineralwasserflasche vor mir. Ich halte ihren kalten Körper abwechselnd an meine Wangen, dann trinke ich das Nass in großen Schlucken so gierig wie nach Sport unter praller Sonne. Das zischt!

Bei diesen Temperaturen hätte ich am liebsten Kühlwasser intravenös oder das Meer über und unter mir. Das große Wasser ist mein Element. Ab 16,5 Grad Wassertemperatur hält mich nichts mehr am Ufer, denn im Wasser fühle ich mich besonders glücklich und frei – schon immer. „Anne, deine Lippen sind ganz blau! Komm jetzt endlich aus dem Wasser!“, riefen meine Eltern früher immer wieder. Als Kind wollte ich so häufig und so lange wie möglich in dieser geheimnisvollen, glucksenden Welt sein. Leider wuchsen mir keine Kiemen und Flossen, aber dafür wuchs meine Ahnung, dass mir das Meer noch andere Dinge offenbaren kann als Seesterne und Muscheln. Das Meer ist so weit, wild und unergründlich. Da muss noch mehr sein! 

Kein Wunder, dass dieses Jesus-Zitat bei mir ins Schwarze traf: „Wenn jemand Durst hat, soll er zu mir kommen und trinken! Wer an mich glaubt, aus dessen Innerem werden Ströme lebendigen Wassers fließen, wie es in der Schrift heißt.“ Jesus, der Wasserspender! Er lässt es nicht nur ein bisschen tröpfeln, sondern Ströme des lebendigen Wassers fließen. „Wie genial ist das denn?“, dachte ich als Teenagerin. Der perfekte Spruch für eine Wasserliebhaberin wie mich. Dass Jesus mit dem lebendigen Wasser eigentlich den Heiligen Geist meinte, wie man mir erklärte, war für mich nicht wichtig. Ich fühlte mich erkannt in meiner Sehnsucht nach dem großen Wasser. Das mich anzieht, weil es lebendig ist, sich ständig bewegt und verändert. Mich schaukelt, sanft auf seiner Oberfläche treiben lässt und mich mit Wellenwucht aus der Bikinihose haut. 

Da sein, wo das Leben ist
Ich fing an, mich nach dem Wasserspender Jesus zu sehnen. Wasser und Jesus, das passt zusammen. Sein Wesen strahlt dieselbe Weite aus wie das Meer. Er verkörpert Lebendigkeit. 

Lebendig sein wie er, das möchte ich seit damals auch. Und ich möchte mich verändern, nicht stehen bleiben, neue Dinge entdecken und erkennen. Ich möchte neue Gedanken denken. Ich will dort sein, wo Leben ist. Wo sich was bewegt und wo ich was bewegen kann. Ich habe Lebensdurst. Danach lechzt meine Seele und auch die meines Mannes, deshalb ist dieses Jesus-Zitat der Bibelvers, den wir uns für unsere Hochzeit ausgewählt haben. Das Lebendige ist für meine und unsere Entscheidungen ein Kompass – wieso hätten wir sonst ein Kind gekriegt? Kleiner Scherz. 

Im Ernst: Wir halten uns an das Lebendige. Und das ist manchmal ein rigoroser Ratgeber: In diesem Job kann ich nichts mehr lernen und bewegen? Dann kündige ich meine Festanstellung. Das Projekt oder die Gemeindeaktivität hat sich totgelaufen? Dann stecke ich keine Energie mehr rein. 

Sixpacks unter die Leute bringen 
Natürlich ist auch manchmal Aushalten und Durchhalten angesagt. Durststrecken kann ich leider nicht gänzlich wegtrinken. Aber ein Bewahren ohne Sinn passt meiner Ansicht nach nicht zum lebendigen Geist des Wasserspenders. Oder ich halte das aus reinem Selbstschutz nicht aus. 

Denn ich möchte, dass Lebendigkeit von meinem Leben ausgeht. Deshalb gucke ich im Alltagstrubel beizeiten, ob genug von den Dingen in meinem Leben vorkommen, die mich lebendig machen. Trotzdem würde ich nicht behaupten, dass aus meinem Inneren „Ströme lebendigen Wassers fließen“ (außer vielleicht ab 40 Grad Außentemperatur), aber ich freue mich, dass ich hier und da ein paar Sixpacks Wasser unter die Leute bringen kann. 

Wenn ich mich gerade auf dürrem Land befinde, dann tauche ich ab. Denn im Meer kann es die Wüste nicht geben. Ich tauche hinein, lasse mich sinken und stelle mir vor, dass ich mit Jesus ein gemütliches Picknick auf dem Meeresgrund zelebriere. Er sagt nichts, ich frage nichts und wir genießen die Stille. Ich bin froh, dass er einfach da ist. In seiner Gegenwart wird jede meiner vom Austrocknen bedrohten Körperzellen bewässert. Das zischt! 

(erschienen im dem Buch "Das WortProjekt", Januar 2014)